Fünf Gebete am Tag, aber keine feste Uhrzeit. Wer im Sommer in Hamburg betet, steht nachts um halb zwei auf. Ein Blick auf ein Thema, das für rund fünf Millionen Menschen in Deutschland Alltag ist
In vielen deutschen Städten gehört es zum Straßenbild: Um die Mittagszeit füllen sich die Moscheen, am Freitag besonders. Was Außenstehende oft nicht wissen: Die Uhrzeit dieser Gebete steht nirgends fest. Sie wandert mit der Sonne.
Muslime beten fünfmal am Tag. Jedes der fünf Gebete hat ein Zeitfenster, und jedes Fenster beginnt mit einem Ereignis am Himmel.
Das Morgengebet startet mit der Dämmerung. Das Mittagsgebet beginnt, sobald die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hat, das Nachmittagsgebet richtet sich nach der Schattenlänge. Das Abendgebet beginnt mit dem Sonnenuntergang, das Nachtgebet, wenn das letzte Abendrot verschwunden ist.
Das klingt nach einer Regel für Wüstenländer. In Deutschland macht sie die Sache kompliziert.
Hamburg im Juni: Nachtgebet um 01:22 Uhr
Je weiter nördlich ein Ort liegt, desto extremer werden die Sommer. In Hamburg geht die Sonne am 21. Juni um 22:00 Uhr unter. Die astronomische Dämmerung, die das Nachtgebet einleitet, endet in dieser Nacht praktisch gar nicht. Nach der in Deutschland verbreiteten Berechnung fällt das Nachtgebet deshalb auf 01:22 Uhr. Zur selben Minute beginnt bereits das Morgengebet.
Nacht und Morgen berühren sich.
Im Winter sieht der gleiche Tag völlig anders aus. Mitte Dezember ist in Hamburg um 16:07 Uhr Sonnenuntergang, das Nachtgebet folgt um 18:04 Uhr, und das Morgengebet beginnt erst um 06:19 Uhr. Zwischen dem letzten und dem ersten Gebet liegen dann zwölf Stunden Schlaf statt null.
Nord und Süd, zwei Länder
Deutschland teilt sich bei diesem Thema in zwei Hälften. In Hamburg gibt es im Jahr 78 Nächte, in denen zwischen Nacht- und Morgengebet weniger als eine Stunde liegt. In Berlin sind es 69, in Köln 53. In München und Freiburg kommt das nie vor: Dort bleibt selbst in der kürzesten Sommernacht mehr als anderthalb Stunden Abstand.
Für Berufstätige ist das ein echtes Problem. Gemeinden im Norden diskutieren jedes Jahr, ob man das Nachtgebet vorziehen darf. Es gibt dazu anerkannte Gutachten, aber keine einheitliche Antwort, und viele Familien richten sich schlicht nach ihrer Moschee. Mehr
Warum zwei Kalender selten dieselbe Zeit zeigen
Beim Vergleich zweier Gebetskalender fallen oft Abweichungen von einigen Minuten auf. Der Grund ist nicht Schlamperei, sondern Rechenmethode.
Die Dämmerung lässt sich nicht beobachten wie ein Sonnenuntergang. Man legt fest, wie tief die Sonne unter dem Horizont stehen muss. Die in Deutschland gebräuchlichen Methoden rechnen für den Morgen mit 18 Grad und für den Abend mit 17 Grad.
Dazu kommen kleine Sicherheitszuschläge, die je nach Herausgeber ein paar Minuten ausmachen.
Größer ist der Unterschied beim Nachmittagsgebet.
Die hanafitische Rechtsschule, der die meisten türkischstämmigen Muslime in Deutschland folgen, lässt es beginnen, wenn der Schatten eines Gegenstands doppelt so lang ist wie der Gegenstand selbst. Die schafiitische, malikitische und hanbalitische Schule nehmen die einfache Schattenlänge.
In Deutschland macht das um etwa 30 Minuten im Dezember bis rund 75 Minuten im Juni aus. Zwei Nachbarn können also beide korrekt beten und trotzdem zu verschiedenen Zeiten in die Moschee gehen.
Und die Richtung?
Neben der Zeit spielt die Richtung eine Rolle. Gebetet wird in Richtung Mekka, und die liegt von Deutschland aus im Südosten. Weil die Erde eine Kugel ist, verläuft die kürzeste Linie nicht dort, wo eine flache Karte sie vermuten lässt. Der Winkel liegt in Deutschland zwischen etwa 124° (Lörrach) und 138° (Görlitz). Vierzehn Grad Unterschied innerhalb eines Landes.
Früher half ein Kompass mit aufgedruckter Mekka-Tabelle. Heute übernimmt das Smartphone die Rechnung. Werkzeuge wie der Qibla-Finder von Mekkakompass zeigen Richtung und Gebetszeiten für den eigenen Standort an, ohne dass man selbst rechnen muss.
Was das für den Alltag bedeutet
Arbeitgeber, Schulen und Vereine begegnen dem Thema meist zum ersten Mal, wenn ein Mitarbeiter im Winter um kurz nach zwölf eine Pause braucht oder im Sommer nach einer Spätschicht noch beten möchte.
Die Fenster sind groß genug, dass sich fast immer eine Lösung findet. Das Mittagsgebet hat in Hamburg im Juni ein Fenster von 4 Stunden 26 Minuten. Im Dezember schrumpft es auf 1 Stunde 28 Minuten und ist dann das kürzeste Gebet des Tages.
Wer wissen möchte, wie die Zeiten in der eigenen Stadt liegen, findet sie tagesaktuell und als Monatstabelle unter mekkakompass.de/gebetszeiten. Die Zahlen dort folgen der Berechnung des türkischen Religionsamts Diyanet, nach der die meisten Moscheen in Deutschland ihre Kalender drucken.
Fest steht nur eines: Morgen sind die Zeiten wieder andere.
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